Geschäftsführer gesucht: Wie der Mittelstand seine wichtigste Position besetzt
9. Januar 2026
Werkstatt-Berichte — unsere Geschäftsführer über das, was im Recruiting wirklich zählt.
Vor zwei Jahren rief mich ein Gesellschafter an. Maschinenbau, Süddeutschland, 280 Mitarbeiter. Sein Geschäftsführer hatte gekündigt, vier Wochen Frist, danach weg. Der Gesellschafter sagte am Telefon einen Satz, den ich seitdem nicht vergessen habe: „Ich habe dreißig Jahre gebraucht, um dieses Unternehmen aufzubauen. Jetzt habe ich vier Wochen, um den richtigen Menschen dafür zu finden.“
Vier Wochen reichten nicht. Aber zwölf Wochen später war die Position besetzt, mit jemandem, der heute den Laden führt, als hätte er nie etwas anderes getan. Die Geschichte ging gut aus. Viele andere gehen das nicht.
Die Suche nach einem Geschäftsführer ist die folgenreichste Personalentscheidung, die ein mittelständisches Unternehmen treffen kann. Sie bestimmt über Strategie, Kultur, Tempo und am Ende über die Frage, ob ein Betrieb in fünf Jahren stärker dasteht oder schwächer. Trotzdem wird diese Suche erschreckend oft mit denselben Mitteln geführt wie die Besetzung einer Abteilungsleitung. Stellenanzeige, Bewerbungseingang, drei Gespräche, Bauchgefühl. Das reicht für eine Teamleitung. Für die Spitze eines Unternehmens reicht es nicht.
Warum die Geschäftsführersuche eine andere Disziplin ist
Wer einen Geschäftsführer sucht, sucht keinen Mitarbeiter. Er sucht jemanden, der Verantwortung für das gesamte System übernimmt. Für Kunden, Mitarbeiter, Investitionen, für Entscheidungen unter Unsicherheit. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis wird genau dieser Unterschied aber ständig verwischt.
Ich erlebe das in Mandaten regelmäßig. Da gibt es ein sauberes Anforderungsprofil: zehn Jahre Branchenerfahrung, Führung von mindestens 100 Mitarbeitern, P&L-Verantwortung, fließendes Englisch. Alles korrekt. Und alles völlig unzureichend, um zu beurteilen, ob ein Mensch ein Unternehmen führen kann.
Die entscheidenden Fragen stehen nicht im Profil. Wie reagiert jemand, wenn drei Krisen gleichzeitig auf dem Tisch liegen? Kann er einem Gesellschafter widersprechen, ohne die Beziehung zu beschädigen? Hält er Ambiguität aus, wenn der Markt keine klaren Signale sendet? Gewinnt er das Vertrauen einer Belegschaft, die den Vorgänger vermisst?
Diese Fragen beantwortet kein Lebenslauf. Sie beantworten sich im Gespräch, im Referenzcheck und manchmal erst im dritten Treffen, wenn die Selbstdarstellung nachlässt und der Mensch dahinter sichtbar wird.
Der Markt für Geschäftsführer ist kein Bewerbermarkt
Das größte Missverständnis bei der Geschäftsführersuche lautet: Man schaltet eine Anzeige und wartet. Das funktioniert bei operativen Rollen. Bei der Geschäftsführung funktioniert es fast nie.
Geschäftsführer, die gut sind, suchen nicht. Sie sitzen in Positionen, die sie fordern, in Unternehmen, die sie schätzen. Vielleicht denken sie gelegentlich über einen Wechsel nach. Aber sie durchforsten keine Jobbörsen am Sonntagabend. Wer diese Menschen erreichen will, muss sie finden, ansprechen und überzeugen. Das ist Direktansprache, und sie erfordert etwas, das kein Algorithmus ersetzen kann: Urteilsvermögen.
Ein erfahrener Personalberater kennt den Markt nicht abstrakt, sondern konkret. Er weiß, wer in welchem Unternehmen sitzt, seit wann, mit welchem Mandat. Er weiß, wer wechselbereit sein könnte und wer auf keinen Fall. Und er weiß, welcher Gesprächseinstieg bei einem Geschäftsführer in der Automobilzulieferung funktioniert und welcher bei einer Führungskraft im Anlagenbau. Das ist Handwerk, kein Zufall.
Drei Fehler, die Gesellschafter bei der Suche machen
Der erste Fehler: zu früh auf Sympathie setzen. Ein Kandidat, der im Erstgespräch begeistert, kann fachlich brillant und menschlich eine Katastrophe sein. Oder umgekehrt. Die charmantesten Gesprächspartner sind häufig jene, die gelernt haben, Oberflächen zu polieren. Wer einen Geschäftsführer nach dem Eindruck einer Stunde auswählt, geht ein Risiko ein, das kein Unternehmer bei einer Investitionsentscheidung akzeptieren würde.
Der zweite Fehler: den Prozess in die Länge ziehen. Ich habe einen Fall erlebt, in dem ein Gesellschafterkreis über sieben Monate insgesamt vierzehn Kandidaten interviewte. Jede Runde brachte neue Kriterien. Am Ende war der stärkste Kandidat längst vom Markt, und die Belegschaft hatte das Vertrauen in die Entscheidungsfähigkeit der Eigentümer verloren. Gute Kandidaten warten nicht. Ihre Geduld hat eine Halbwertszeit von etwa acht Wochen. Danach interpretieren sie Langsamkeit als Unsicherheit.
Der dritte Fehler: den kulturellen Kontext ignorieren. Ein Geschäftsführer, der zwölf Jahre im Konzern gearbeitet hat, bringt Prozesse, Strukturen und Reportingkultur mit. Das kann wertvoll sein. Es kann auch Gift sein für ein Unternehmen, in dem der Inhaber bisher per Handschlag geführt hat und die Belegschaft direkte Ansprache gewohnt ist. Die fachliche Qualifikation mag passen; wenn die Führungskultur kollidiert, scheitert die Besetzung trotzdem. Häufig innerhalb der ersten zwölf Monate.
Was einen guten Suchprozess ausmacht
Die Suche nach einem Geschäftsführer beginnt nicht mit einer Stellenanzeige. Sie beginnt mit einer Frage, die unbequem sein kann: Was genau soll diese Person in den nächsten 24 Monaten erreichen? Stabilisierung nach einer Krise? Wachstum in neue Märkte? Einen Generationenwechsel begleiten? Die Antwort bestimmt alles Weitere, vom Profil über die Suchstrategie bis zur Gesprächsführung.
Ein professioneller Executive Search folgt einer klaren Dramaturgie. Zuerst die Auftragsklärung, die oft länger dauert als erwartet, weil Gesellschafter ihre eigenen Erwartungen erst im Gespräch sortieren. Dann die Marktanalyse: Wer kommt in Frage, wer nicht, und warum? Die Direktansprache, diskret und präzise. Die Vorauswahl, bei der ein erfahrener Headhunter bereits filtert, was kein Lebenslauf verrät. Und schließlich die Präsentation von drei, maximal vier Kandidaten, die nicht nur fachlich passen, sondern zur Aufgabe, zum Unternehmen und zur Kultur.
Drei Kandidaten. Wer mehr braucht, hat die Vorarbeit nicht sauber gemacht.
Warum der Mittelstand es besonders schwer hat
Konzerne haben Marken, die für sich selbst werben. Ein Geschäftsführer bei Siemens muss niemandem erklären, wo er arbeitet. Ein Geschäftsführer bei einem Mittelständler in Attendorn, Tuttlingen oder Vechta schon.
Das ist kein Makel. Im Gegenteil: Viele der besten Führungskräfte, die ich kenne, haben sich bewusst für den Mittelstand entschieden. Weil dort die Gestaltungsräume größer sind, die Wege kürzer, die Wirkung direkter. Aber man muss diese Geschichte erzählen können. Wer im Vorstellungsgespräch nur über Umsatzzahlen und Organigramme redet, verliert gegen den Konzern, der mit Prestige und Sicherheit lockt.
Der Mittelstand gewinnt Geschäftsführer über Substanz. Über einen Gesellschafter, der im Gespräch ehrlich sagt, wo das Unternehmen steht, welche Konflikte auf den Tisch kommen werden und warum die Rolle trotzdem eine der besten Aufgaben am Markt ist. Diese Ehrlichkeit ist ein Vorteil, den kein Konzern kopieren kann.
Eine Personalberatung, die den Mittelstand kennt, hilft dabei, diese Positionierung zu schärfen. Sie übersetzt das, was ein Gesellschafter intuitiv über sein Unternehmen weiß, in eine Sprache, die Kandidaten erreicht. Das ist kein Marketing. Das ist Präzisionsarbeit.
Nachfolge, Trennung, Neubeginn: Jeder Anlass hat eigene Regeln
Die Suche nach einem Geschäftsführer ist kein standardisierter Prozess. Sie verändert sich grundlegend, je nachdem, was der Anlass ist.
Bei einer geplanten Unternehmensnachfolge gibt es Vorlauf. Der scheidende Geschäftsführer kann einarbeiten, Kunden vorstellen, Wissen übergeben. Das klingt komfortabel, bringt aber ein eigenes Risiko: Wenn der Nachfolger zu lange im Schatten des Vorgängers steht, fehlt ihm die Autorität, eigene Akzente zu setzen. Der Übergang muss geplant, aber auch begrenzt sein. Sechs Monate Überlappung, nicht vierundzwanzig.
Bei einer unerwarteten Trennung sieht alles anders aus. Zeitdruck, Verunsicherung im Team, offene Fragen bei Kunden und Lieferanten. Hier zählt Geschwindigkeit. Und hier zeigt sich, ob ein Unternehmen auf solche Situationen vorbereitet ist. Die meisten sind es nicht. Eine Notfallplanung für die Geschäftsführung hat kaum ein Mittelständler in der Schublade.
Und dann gibt es die dritte Variante: den Wechsel aus Wachstum. Das Unternehmen ist über die Führungsfähigkeit des bisherigen Geschäftsführers hinausgewachsen. Das passiert häufiger, als man denkt, und es ist für alle Beteiligten das unbequemste Szenario. Der Mensch hat nichts falsch gemacht. Er passt nur nicht mehr zur Aufgabe. Ein guter Suchprozess nimmt auf diese Situation Rücksicht, diskret, respektvoll und ohne die Verdienste der Vergangenheit kleinzureden.
Was am Ende zählt
Vor ein paar Monaten traf ich den Gesellschafter aus dem Eingang wieder. Sein neuer Geschäftsführer hatte gerade das erste volle Geschäftsjahr abgeschlossen. Der Umsatz war stabil, die Belegschaft ruhig, zwei neue Kunden gewonnen. Nichts Spektakuläres. Genau das Richtige.
Der Gesellschafter sagte: „Das Beste an ihm ist, dass ich nachts wieder schlafe.“
Das ist vermutlich das ehrlichste Qualitätskriterium für eine gute Geschäftsführer-Besetzung: Ruhe im System. Die richtige Person am richtigen Platz erzeugt keine Aufregung. Sie erzeugt Stabilität, Vertrauen und die Freiheit, sich um das zu kümmern, was als Nächstes kommt.
Die Suche nach dieser Person ist kein Verwaltungsakt. Sie ist die wichtigste Investition, die ein Unternehmer tätigen kann. Wer sie mit derselben Sorgfalt führt wie eine Millionen-Investition in eine neue Produktionslinie, wird belohnt. Wer sie dem Zufall überlässt, wird es bereuen.
Meistens früher als gedacht.
Das hier verwendete Bildmaterial ist KI-generiert und symbolisch zu verstehen.
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Hinweis: Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder wurden teilweise mit künstlicher Intelligenz erstellt und dienen der Illustration.